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Update zur antibiotischen Behandlung unkomplizierter Hautabszesse


EFSM: 2022;2:220036DOI: 10.52778/efsm.22.0036Veröffentlicht am: 31.01.2022
Dr. Annette Sethmann

Kutane Abszesse werden häufig durch S. aureus hervorgerufen. Wichtigste therapeutische Maßnahme ist die Drainage der Eiteransammlung. Obwohl der klinische Nutzen einer zusätzlichen oralen Antibiotikagabe belegt ist, wird sie angesichts steigender Resistenzen zunehmend kritisch gesehen. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass für die bei Abszessen seit Langem lokal eingesetzten Ammoniumbituminosulfonate eine antimikrobielle Wirkung auch gegen MRSA nachgewiesen wurde.

Antibiotika steigern Therapieerfolg und verringern Rezidive

Unter kutanen Abszessen versteht man lokale Eiteransammlungen in der Haut, die meist infolge bakterieller Infektionen entstehen. Häufige Verursacher sind Staphylokokken, die antibiotikasensibel (Methicillin-sensibler S. aureus, MSSA) oder auch resistent (Methicillin-resistenter S. aureus, MRSA) sein können [1]. Da Abszesse für Antibiotika schwer erreichbar sind [2], sind die chirurgische Inzision und Drainage der Eiteransammlung die wichtigsten Maßnahmen [3]. Hinsichtlich verbesserter Erfolgsaussichten für die chirurgische Intervention bzw. Vermeidung von zeitnahen Rezidiven konnte in einer Metaanalyse für die zusätzliche orale Antibiotikagabe ein klinischer Nutzen bei kleinen, unkomplizierten Hautabszessen belegt werden (Abb. 1) [4]. Allerdings bleibt unklar, ob dieser Nutzen gegenüber Risiken von Nebenwirkungen und Resistenzentwicklungen überwiegt, zumal in jüngeren Studien (n = 2.051) im Zusammenhang mit Abszessen keine einzige Sepsis auftrat [3]. Dies gibt Anlass, die systemische Antibiotika-Therapie kritisch zu hinterfragen.

Resistenzen sind nicht das einzige Problem

Abgesehen von Resistenzen bergen Antibiotika auch ein relevantes Nebenwirkungsrisiko für den einzelnen Patienten. Sie sind für fast 20% aller Notaufnahmebesuche wegen unerwünschter Arzneimittelereignisse verantwortlich [3]. Die bei Abszessen am häufigsten eingesetzten Antibiotika Trimethoprim + Sulfamethoxazol und Clindamycin sind mit den höchsten Raten mittelschwerer bis schwerer allergischer Reaktionen verbunden. Einer Metaanalyse zufolge traten bei einem von 23 Patienten unter Behandlung mit der bei Hautabszessen etablierten oralen Antibiotika-Therapie entsprechende Reaktionen auf [3]. Die Frage nach anderen antimikrobiell wirksamen Behandlungsalternativen liegt demnach auf der Hand.

Helles und dunkles Ichthyol® wirken antibakteriell

Vor diesem Hintergrund besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass für die seit Langem in der Dermatologie etablierten, lokal applizierten Wirkstoffe Natrium- und Ammoniumbituminosulfonat in vitro eine antibakterielle Wirkung gegen verschiedene grampositive Bakterien nachgewiesen werden konnte [5–7]. Natriumbituminosulfonat (helles Ichthyol®) zeigte minimale Hemmkonzentrationen (MHK90) von 0,25 mg/ml für MRSA, 1 mg/ml für MSSA und 0,03–0,125 mg/ml für verschiedene Streptokokken-Spezies [5]. Inzwischen liegen auch bislang unveröffentlichte Ergebnisse [7] zu Ammoniumbituminosulfonat (dunkles Ichthyol®) vor (Tab. 1, data on file). Die Dreifachbestimmung ergab für MSSA eine MHK von 15,6 mg/ml und für MRSA eine MHK von 7,8 mg/ml [7] und weist damit auf eine Wirkung auch auf durch MRSA verursachte Abszesse hin.

Tab. 1. Antimikrobielle Wirksamkeit von Ammoniumbituminosulfonat gegen Methicillin-sensible (MSSA) und Methicillin-resistente (MRSA) S. aureus-Stämme [7].

Testkonzentration im Nährmedienansatz (n = 3)Nach 24 StundenNach 48 StundenNach 72 Stunden
  MRSAMSSAMRSAMSSAMRSAMSSA
Stammlösung250 mg/ml–/––/–
1:2-Verdünnung125 mg/ml–/––/–
1:4-Verdünnung62,5mg/ml–/––/–
1:8-Verdünnung31,25 mg/ml–/––/–
1:16-Verdünnung15,63 mg/ml–/–

–/– (n=2)

–/(+) (n=1)

1:32-Verdünnung7,81 mg/ml–/––/+
1:64-Verdünnung3,91 mg/ml++–/+–/+
1:128-Verdünnung1,95 mg/ml+++++/++/+
1:256-Verdünnung0,975 mg/ml+++++/++/+
1:512-Verdünnung0,488 mg/ml+++++/++/+
1:1024-Verdünnung0,244 mg/ml+++++/++/+

- visuell kein Wachstum erkennbar

+ visuell Trübung/Wachstum erkennbar

–/– visuell aufgrund von Produkttrübung kein Wachstum erkennbar/kein Wachstum nach Subkultur

–/+ visuell kein Wachstum erkennbar/Wachstum nach Subkultur

+/+ Wachstum visuell sichtbar in den Nährmedienansätzen/nach Subkultur

Ichthyol® in der Selbstmedikation

Häufig zeigen Patienten Abszesse, die in der Terminologie der Dermatologen „noch nicht reif“ sind, das heißt, sie fluktuieren nicht und entleeren bei Inzision keinen Eiter. Häufig behandeln die Betroffenen sie im Rahmen der Selbstmedikation und auch hier sollte eine antimikrobielle Therapie der bakteriellen Infektion erfolgen.

Entzündungshemmende Ammoniumbituminosulfonate fördern die Abszessreifung und ihre Entleerung und sind durch die zusätzliche antibakterielle Wirkung für die Eigentherapie von Abszessen geeignet, insbesondere da keine Resistenzen gegen den Wirkstoff zu erwarten sind.

Literatur

  1. Singer AJ, Talan DA. Management of Skin Abscesses in the Era of Methicillin-Resistant Staphylococcus aureus. N Engl J Med 2014; 370:1039–1047. doi: 10.1056/NEJMra1212788.
  2. Sunderkötter C, et al. Frequent bacterial skin and soft tissue infections: diagnostic signs and treatment. J Dtsch Dermatol Ges 2015;13:501–524.
  3. Pulia M, Fox B. Antibiotics Should Not Be Routinely Prescribed After Incision and Drainage of Uncomplicated Abscesses. Ann Emerg Med 2019;73(4):377–378. doi: 10.1016/j.annemergmed.2018.04.026.
  4. Wang W, Chen W, Liu Y, et al. Antibiotics for uncomplicated skin abscesses: systematic review and network meta-analysis. BMJ Open 2018;8:e020991. doi:10.1136/bmjopen-2017-020991.
  5. Idelevich EA, Becker K. In Vitro Activity of Sodium Bituminosulfonate: Susceptibility Data for the Revival of an Old Antimicrobial. Microbial Drug Resistance 2020;26(11):1405–1409. doi: 10.1089/mdr.2019.0390
  6. Pantke R. Bakteriologische Untersuchung von Arzneimitteln aus Schieferöl. Arzneim-Forsch (Drug Res) 1965;15:570–573 (in German)
  7. Leis W, Pacher S, et al. Prüfbericht zur Prüfung auf antimikrobielle Wirksamkeit der Wirksubstanz Ichthyol im Bouillon-Reihenverdünnungstest und Bestimmung der MHK. BioChem – Labor für biologische und chemische Analytik GmbH (unpublished) (in German)

 

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt keinen Interessenkonflikt an.

Offenlegung: Medical Writing und Publikation finanziert von Ichthyol-Gesellschaft Cordes, Hermanni & Co. (GmbH & Co.) KG.

Affiliation/Korrespondenz: Dr. Annette Sethmann, Ichthyol-Gesellschaft Cordes, Hermanni & Co. (GmbH & Co.) KG, Sportallee 85, 22335 Hamburg, Deutschland
Eingereicht am: 12.01.2022Akzeptiert am: 21.01.2022Veröffentlicht am: 31.01.2022
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